Filmografie Arbeitsproben Kontakt Kenntnisse Home Links Über MichReferenzen
Impressum

Dokuficton, 30 Minuten, 2001

Regie: Charlotte Ackling
Kamera: Thomas Ridelsheimer
Ton: Laurent Desmetz
Aufnahmeleitung: Angres Jauernik
Produktion: Manuel Esser, Next Step
Drehzeit: Herbst 2001
Drehort: Spanien, La Mancha

Miguel de Cervantes
Herumtreiber und Abenteurer im Goldenen Zeitalter

Fest steht, dass Cervantes' Leben unstetig verlief, mit großen Höhen und Tiefen, und dass er zeitweise gut daran getan hatte, jede Öffentlichkeit zu meiden.

Abenteurer im Siglo d'Oro
Miguel de Cervantes Saavedra wird 1547 in der Universitätsstadt Alcala de Henares bei Madrid geboren. Er ist das vierte von sieben Kindern des Arztes Rodrigo de Cervantes und dessen Frau Leonora de Cortinas. Die Zeit ist geprägt vom Glanz des Goldenen Zeitalters, in dem Spaniens Macht und Reichtum keine Grenzen zu kennen scheinen. Rittertum, Kirche, Geld und die abenteuerlichsten Eroberungsfeldzüge in den entfernten Ländern Mittel- und Südamerikas: Alles ist geeignet, die Vorstellungen eines phantasiebegabten Jungen zu beflügeln.

In jungen Jahren bereits verlässt Cervantes sein Elternhaus, um buchstäblich in die Welt zu ziehen. Wegen eines Duells muss er vor der spanischen Justiz fliehen, da ihm außer zehn Jahren Verbannung der Verlust der rechten Hand als Strafe droht.

Seeschlacht von Lepanto
Cervantes verdingt sich bei der spanischen Marine. 1571 nimmt er an der berühmten Seeschlacht von Lepanto gegen die in den Mittelmeerraum vordringenden Türken teil und wird verwundet. Weitere Feldzüge für die spanische Krone folgen. Doch als er 1575 nach Spanien zurückkehren will, wird sein Schiff gekapert. Piraten - andere Quellen nennen die Türken - verschleppen ihn nach Algier. Fünf Jahre verbringt er in Gefangenschaft, bis er 1580 durch den Trinitarierorden freigekauft wird.

Cervantes kehrt nach Spanien zurück; seine Karriere als Soldat ist beendet. Er beginnt zu schreiben. Erste Theaterstücke erscheinen, haben aber keinen Erfolg. Neben den persönlichen Misserfolgen prägt ihn auch die Enttäuschung über den einsetzenden Niedergang des spanischen Weltreiches. 1584 heiratet er aus wirtschaftlicher Not die 18 Jahre jüngere Catalina de Salauzar y Palacios, ein reiches Bauernmädchen. Doch getrieben wie er ist, verlässt er auch sie nach kurzer Zeit, um sein unstetes Leben wieder aufzunehmen. Mit seinem Schäferroman "Galatea" hat er 1585 zunächst für kurze Zeit literarischen und finanziellen Erfolg. Doch bald ist das Geld ausgegeben und der erste Ruhm verflogen: Wieder muss er sich seinen Lebensunterhalt bei der spanischen Flotte, diesmal als Proviantkommissar in Andalusien, verdienen.

Vom Herumtreiber zum Publikumsliebling
Auch das ist nicht von Dauer. Cervantes arbeitet dies und das, wird Steuereinnehmer in Granada und Malaga. Doch wegen Veruntreuung der eingenommenen Gelder, wird er zweimal ins Gefängnis geworfen. Im Gefängnis von Argamasilla inmitten in der Hochebene von La Mancha, beginnt er, den "Don Quijote" zu schreiben. Eine Romanfigur entsteht, die zum Mythos werden sollte, ein Mythos, der bis heute lebendig ist.

"Don Quijote" erscheint 1605 in Madrid und macht Cervantes schlagartig bekannt. Ursprünglich als Satire, als Parodie auf den Ritterroman gedacht, hat sich der Roman zu einem umfassenden Bild der spanischen Gesellschaft und des menschlichen Lebens überhaupt entwickelt - und wurde so zu einem exemplarischen Werk der Weltliteratur, zu einem zeitlos gültigen 'Menschheitssymbol'. Der lange ersehnte Ruhm ist da. Cervantes vermag jedoch den literarischen Erfolg nicht in finanziellen umzumünzen. Wiederholt gerät er in zwielichtige Angelegenheiten; das Geld zerrinnt ihm. 1615 veröffentlicht er den zweiten Teil des "Don Quijote". Am 22. April 1616 stirbt Cervantes in Armut in Madrid.

Don Quijote
Ritter von der traurigen Gestalt
Von einem, der auszieht, seine Träume allen Widrigkeiten entgegen zu verwirklichen.

Don Quijote befindet sich in einer existenziellen Krise, in einer verspäteten midlife crisis: Mit fünfzig Jahren wird er sich der unbefriedigenden Langeweile seines Lebens bewusst.

Wildjagden und auch die ausgedehnte Lektüre von unzähligen Ritterromanen vermögen ihn nicht länger abzulenken, und er beschließt, aktiv zu werden und zu handeln. Fasziniert von der Welt der Burgen und Ritter, will er künftig als edler Ritter die Schwachen gegen die Mächtigen beschützen, die Unterdrückten befreien und sich allem Unrecht dieser Welt in den Weg stellen.

Der große Dürre und der kleine Dicke
Don Quijote ist physisch hässlich: lang, ausgezehrt, ein Strich in der Landschaft. Sein Ritterwahn lässt ihn in manischem Drang Abenteuer erleben, wo keine sind. Getrieben von der Liebe zu seiner Herzensdame, "Dulcinea del Toboso", schafft er Unordnung da, wo er sie beseitigen will, und wird dafür verhauen und verlacht. Sein Kompagnon und Alter Ego ist der dumm-schlaue Sancho Pansa, ein Bauer, der Don Quijotes Visionen und Ideale keineswegs teilt. Getrieben von der Hoffnung auf die von Don Quijote versprochenen Reichtümer und von der Aussicht, Statthalter einer Insel zu werden, folgt er unbeirrbar und treu Don Quijote in seine Abenteuer.

Einer Arena gleich, durchstreift Don Quijote mit seinem Knappen Sancho Pansa die Landschaft von La Mancha von Norden nach Süden, von Westen nach Osten - ohne je auch nur in die Nähe seines Ziels zu kommen. Stattdessen reitet Don Quijote gegen die Windmühlen an, die für ihn gefährliche Riesen sind, kämpft mit Schafherden, die er für Soldatenheere hält, vertreibt böse Zauberer und überfällt unterwegs Kutschen, in denen er gefangen genommene Edelfräuleins vermutet. Von einem Edelmann, der allerdings nur der betrunkene Wirt des Dorfgasthauses ist, lässt er sich zum Ritter schlagen - unter dem Gelächter der Dirnen, die er für Hofdamen hält. Unbestechlich wirbt er um die Liebe seiner Dulcinea - einer Prinzessin, die gar nicht existierte.

Heldentaten - und anschließend Prügel
Don Quijote ist der geborene Verlierer, der Antiheld schlechthin. Seine gut gemeinten Taten enden fast immer mit Prügel für ihn; die, die er retten will, wehren sich gegen ihre Rettung. Gerade durch sein mannhaft ertragenes Scheitern an der Wirklichkeit und der damit verbundenen Komik wird er zu einer Figur, die das Herz wärmt - und damit zum Helden. Das Widerspiel von Ideal und Wirklichkeit, Sein und Schein, Narrheit und Vernunft ist das Thema des Romans. Don Quijote, der "Ritter von der traurigen Gestalt", ignoriert die ihm nicht genehme Wirklichkeit nicht einfach, sondern er interpretiert sie vielmehr um: Ein Klappergaul wird so zum prächtigen Streitross, Windmühlen zu Riesen, Schafherden zu Heerscharen.

Kampf und Versöhnung
Don Quijotes Narrheit hat nur Methode, wenn der Ritterwahn ihn packt; nur dann handelt und redet er irr. Ansonsten ist die Narrheit immer auch gepaart mit Vernunft und tiefer Einsicht in die condition humaine. Ihm gilt nicht nur das Gelächter, sondern zugleich die Bewunderung des Lesers. Am Ende allen Suchens und aller Irrungen, am Ende der Kämpfe mit den Mächten und gegen die Vergeblichkeit entdeckt Don Quijote schlussendlich - sich selbst. Im Scheitern findet er zu Einsicht und Gelassenheit.

Die kastilische Hochebene La Mancha liegt zwischen Madrid und Andalusien, ist von Bergketten eingesäumt, flach und von herber Kargheit. Das Gebiet, das Don Quijote zusammen mit seinem Knappen Sancho Pansa kreuz und quer bereist, ist ca. 50 mal 50 Kilometer groß.

Abenteuer und Niederlagen
Hier erlebt er alle seine Abenteuer, Kämpfe und Niederlagen. Trotz seiner übergroßen Sehnsucht nach der "großen Welt" vermag er diesen Flecken Erde nicht einen Tag lang zu verlassen. Cervantes kannte die Mancha gut, hatte er hier doch einige Jahre gelebt - sie müssen ihm wie eine Verbannung vorgekommen sein.

Den Kerker von Argamasilla, einem Dorf im Zentrum der Mancha, kannte er zu seinem Leidwesen besser, als ihm lieb gewesen sein konnte. Während einer längeren Haft soll er in diesem Kerker den Roman begonnen haben. Während er selbst in dem dunklen, feuchten Loch festgehalten wurde, ließ er seinen Helden die Ebenen rund um Argamasilla durchstreifen; nie entfernt sich Don Quijote mehr als eine Tagesreise von diesem unsichtbaren "Mittelpunkt" des Romans.

La Mancha
Landschaft, Menschen, Begegnungen
Untrennbar verbunden mit der Geschichte Don Quijotes sind die Gegenden und Landschaften, in denen der Roman spielt.

La Mancha heute
Geändert hat sich seit Don Quijotes Zeiten bis auf den Verfall der zahllosen Mühlen und Ritterburgen scheinbar nur wenig. La Mancha ist eine "Romanwelt" geblieben: Der Wind streift unablässig über die Ebene, das Gras und die niedrigen Büsche zittern, Schafherden ziehen ihres Wegs. Auf den Nebenstraßen kann es manchmal Stunden dauern, bis man einem Auto begegnet oder einem Bauern, der zu Fuß von nirgendwo nach nirgendwo unterwegs zu sein scheint.

Wer sich dieser Atmosphäre aus endloser Weite, still stehender Zeit, kirre machendem Wind und dem seltsam hellen, vom Staub kaum gemilderten Sonnenlicht überlässt, dem wird klar, warum Cervantes gerade diese Landschaft für seinen Helden wählte: Halluzinationen entstehen hier schnell, nicht anders als in der Wüste. Und sieht man nur lange genug hin, dann ist der Schritt von der Windmühle zum Arme schwingenden Riesen, von der riesigen Schafherde zum durch die Landschaft ziehenden Heer gar nicht mehr so groß…

Die Spuren des Don Quijotes
Überall in den Dörfern trifft man auf Abbilder des Don Quijote; in den Köpfen der Menschen ist er fest verankert. Immerhin ist er eine Art nationales Denkmal. Nach Meinung der Dorfbewohner entspricht die Beschreibung von Don Quijote und Sancho Pansa genau dem Charakterbild des typischen Mancha-Bewohners, vor 400 Jahren genauso wie heute.

Und so ist es nicht schwer, auf die "Freunde der Mühlen" zu treffen, die sich der Rettung der Mühlen verschrieben haben, auf Theaterleute voller Enthusiasmus, die an die Modernität der Geschichte des Don Quijote glauben, auf den einsamen Nachfahren eines Rittergeschlechts, der die Ideale des Don Quijote hoch hält, und schließlich auf eine Bürgermeisterin, die mühelos den Bogen spannt von Don Quijotes' unglücklicher Liebesgeschichte hin zum wachsenden Erfolg der Frauen in Spaniens Politik